Wo die Mauern der Geschichte auf die Freiheit des Meeres treffen

In Orte

Erstellt: 29. Mai 2026

Von Manfred Goschler

La Pared bedeutet auf Spanisch „die Wand“. Der Name geht auf eine historische Steinmauer zurück, die von den Ureinwohnern Fuerteventuras bereits vor der spanischen Eroberung im 15. Jahrhundert errichtet wurde. 
Diese Mauer trennte an der schmalen Landenge den Hauptteil der Insel von der Halbinsel Jandía und damit die beiden damaligen Stammeskönigreiche.

Als wir Fuerteventura vor über 40 Jahren das erste Mal besuchten, war das für uns eine Inselreise im doppelten Sinne: Wir flogen mit der damals noch jungen Air Berlin – und wir starteten aus einem Berlin, das selbst durch eine Mauer geteilt war und dadurch ebenfalls eine Art Inselstatus besaß.
Zunächst war die Enttäuschung beim Landeanflug groß. Die Insel wirkte mit ihrem bräunlichen, ockerfarbenen und beigen Sand, den schroffen Felsen und dem dunklen Gestein wie eine einzige, riesige Gerölllandschaft.

Ein Jahr zuvor hatten wir die Nachbarinsel Lanzarote besucht, die uns deutlich „aufgeräumter“ erschien – geprägt durch den eindrucksvollen Kontrast zwischen schwarzem Lavagestein, strahlend weißen Häusern und dem wenigen, aber dadurch umso intensiveren Grün.
Doch schon nach kurzer Zeit änderte sich dieser erste Eindruck grundlegend. Wir begannen, das vom Passatwind geprägte Klima zu schätzen, das wilde Meer, die endlosen Strände und die besonderen, oft stillen Orte der Insel.

Pionierzeit im Süden
Bei unserem ersten Aufenthalt wohnten wir in Costa Calma, wo die touristische Infrastruktur mit Straßen, Hotels und Apartmentanlagen gerade erst in den Kinderschuhen steckte. Damals war es noch selbstverständlich – und oft auch notwendig –, die Insel mit dem Jeep zu erkunden. Diese Fahrten waren kleine Abenteuer für sich: Die Tour nach Cofete mit ihren atemberaubenden Ausblicken und die Weiterfahrt direkt entlang des Strandes zur Halbinsel bei El Islote sind unvergesslich.

Natürlich durfte auch ein Besuch der legendären Villa Winter nicht fehlen – jener geheimnisvollen Residenz eines deutschen Ingenieurs,  die in dieser einsamen Landschaft errichtet wurde und bis heute Stoff für Mythen  und Verschwörungstheorien liefert – darunter angebliche Verbindungen zum NS-Regime und geheime U-Boot-Anlagen an der Küste.

Viele Deutsche versuchten in dieser Pionierzeit auf der Insel Fuß zu fassen. Gerne erinnere ich mich noch an die „Drei Kölner“, die ein sehr einladendes Restaurant auf einem nahegelegenen Aussichtspunkt betrieben.

Die wilde Westküste: Ein Rückzugsort bis heute
Während die langen Sandstrände von Costa Calma bis hinunter nach Morro Jable ein sicheres – und damals oft auch textilfreies – Badevergnügen sowie endlose Spaziergänge ermöglichten, zeigte sich die Insel an der gegenüberliegenden Westküste von ihrer wilden, ungezähmten Seite.

La Pared, dieser kleine, beschauliche Ort mit seinem rauen Strand, wurde für uns zu einem ganz besonderen Anziehungspunkt – und zum starken Kontrast zu den touristischen Zentren der Ostküste. Er ist bis heute ein Rückzugsort für Naturliebhaber und Ruhesuchende geblieben.

Die Natur zeigt sich hier von ihrer kraftvollsten Seite: Mächtige Wellen schlagen unaufhörlich gegen die zerklüftete Steilküste. Die trockene Luft, das angenehme Mikroklima und der stetige Passatwind machen selbst heiße Sommertage erstaunlich erträglich. Abends ziehen spektakuläre Sonnenuntergänge über dem Atlantik die Menschen magisch an. Während Surfer in den Wellen vor dieser beeindruckenden Kulisse ihr Paradies finden, kommen Wanderer und Mountainbiker in der Weite der Vulkanlandschaft voll auf ihre Kosten.

Heute, Jahrzehnte später, vermitteln der Ort und seine Umgebung noch immer diese tiefe Ruhe und elementare Schönheit. Es gibt kaum Ablenkung – nur Landschaft, Wind und Meer. Ein idealer Ort, um den Gedanken freien Lauf und die Seele baumeln zu lassen.

Kennt ihr auch diese Orte, an die man seit Jahrzehnten zurückkehrt und die sich trotz allem ihren wilden Zauber bewahrt haben?