Impressionen

Erstellt: 3. Okt. 2026

Von Manfred Goschler

Einleitung

In politischen und gesellschaftlichen Diskussionen werden häufig Begriffe verwendet, die von Menschen unterschiedlich verstanden werden und dadurch den Dialog erschweren. Begriffe wie „Fakten“, „Information“, „bürgernaher Dialog“, „Transparenz“ oder „umfassende Kommunikation“ klingen vertraut, meinen aber nicht für alle dasselbe. Mit der rasanten Entwicklung der KI und ihrer Informationsverarbeitung wird zudem deutlicher, wie ungenau wir diese Begriffe oft verwenden.

Wir sprechen heute selbstverständlich von „Daten“, „Information“ und „Wissen“, oft so, als wären es Synonyme. Dabei lassen sich diese Begriffe unterscheiden. Sie können als aufeinander folgende Schritte verstanden werden, die über die Erkenntnis hinaus bis zur Verantwortung führen.

Deshalb versuche ich, einige Zusammenhänge darzustellen, und teile diese Gedanken hier gern. Betrachtet man einen Dialog, stellt sich die Frage: Welche Schritte kommen eigentlich davor – und welche können danach folgen? Ich spanne das Thema dazu etwas breiter auf und gebe ihm die Struktur einer Kette. 

Die ersten Glieder, von den Daten bis zur Erkenntnis, können zunächst auch individuell durchlaufen werden. Mit Dialog und Mitwirkung öffnet sich die Kette für andere: Weitere Sichtweisen, Erfahrungen und Interessen kommen hinzu. So wird die Grundlage breiter, auf der Abwägung, Entscheidung und Verantwortung ruhen. Dialog und Mitwirkung sind dabei nicht unbedingt erst am Ende des individuellen Erkenntnisweges angesiedelt: Sie können bereits früher ansetzen, Fragen aufwerfen, Informationen ergänzen, Annahmen hinterfragen und dadurch den weiteren Weg beeinflussen.

Inwieweit diese Schritte noch Menschen allein vorbehalten sind, rückt mit der zunehmenden Verbreitung von KI-Systemen immer stärker in die gesellschaftliche Diskussion. KI-Systeme können heute Daten verarbeiten, Informationen zusammenführen, Zusammenhänge aufzeigen und bei Entscheidungen unterstützen. Gerade deshalb wird die Frage wichtiger, an welcher Stelle menschliche Prüfung, Abwägung und Verantwortung notwendig bleiben.

Dieser Beitrag geht die Kette Schritt für Schritt durch. Als roter Faden dient die Frage:

„Was sind Daten?“

Sie beginnt als Buchstaben- und Zahlenfolge und führt schließlich zur Frage nach der Verantwortung.

Die Reihenfolge ist dabei ein Modell und kein strikt linearer Ablauf. Jedes Glied baut zwar auf den vorherigen Schritten auf, gleichzeitig können Fragen, Dialog, Prüfung und neue Erkenntnisse jederzeit dazu führen, dass wir zu einem früheren Schritt zurückkehren. Es können auch Schritte übersprungen werden, z. B. von Wissen direkt zur Entscheidung, ohne Verstehen, Dialog, Mitwirkung und Abwägung. Dann steigt das Risiko, dass Lücken unbemerkt bleiben.

Neue Informationen können unser Wissen verändern. Neue Erkenntnisse können bisherige Annahmen infrage stellen. Ein Dialog kann Lücken sichtbar machen. Und eine Entscheidung kann neue Daten hervorbringen. Der Weg von den Daten zur Verantwortung ist deshalb weniger eine gerade Linie als ein Kreislauf des Denkens und Handelns.

Diese Betrachtung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder darauf, die Zusammenhänge wissenschaftlich abschließend zu erklären. Sie ist vielmehr ein Denkmodell und ein Angebot zum Nachdenken – und soll ausdrücklich hinterfragt und weiterentwickelt werden.

1. Daten – das Vorgefundene

Eine Frage wie „Was sind Daten?“ kann als Zeichenfolge aus Buchstaben, Wörtern und Satzzeichen dargestellt werden. Diese Folge wird durch Konvention lesbar. Man kann dieselbe Frage aber auch als Folge binärer Zahlen darstellen:

01010111 01100001 01110011 00100000 01110011 01101001 01101110 01100100 00100000 01000100 01100001 01110100 01100101 01101110 00111111

Für sich genommen sagt diese Zahlenfolge allerdings nichts über ihren Inhalt aus. Es sind fünfzehn Gruppen zu je acht Bit, also fünfzehn Bytes. Im Rechner kann jedes Bit als kleiner Schalter betrachtet werden: 0 oder 1, aus oder an.

Wir können die Folge zählen, kopieren, übertragen und speichern, ohne zu wissen, wofür sie steht. Daten sind zunächst Zeichen oder Werte. Ihre Bedeutung entsteht nicht allein aus ihrer Form, sondern aus dem Zusammenhang, in dem sie interpretiert werden. Dasselbe Byte könnte ein Messwert sein, ein Bildpunkt oder Teil einer Kontonummer.

Die Technik kann Daten verarbeiten, ohne dass damit automatisch etwas verstanden wird.

2. Fakten – das Überprüfte

Damit aus der Zahlenfolge eine lesbare Zeichenkette wird, brauchen wir einen Bezugsrahmen. Wir vereinbaren beispielsweise, die Zahlen nach dem ASCII-Standard zu lesen. Dann steht

01010111 für „W“, 01100001 für „a“ und 00111111 für „?“.

Unter dieser Vereinbarung lässt sich überprüfen:
Diese Zahlenfolge entspricht der Zeichenkette „Was sind Daten?“.

Das ist eine überprüfbare Aussage, damit haben wir einen Fakt. Sie ist richtig oder falsch, unabhängig davon, ob uns ihr Inhalt interessiert. Sie gilt aber nur relativ zum Rahmen: Läse man dieselben Bytes anders, wären es andere Fakten. Und ein Fakt ist noch keine Information, denn was die Frage für jemanden bedeutet, ist damit nicht gesagt.

3. Information – das Bedeutungsvolle

Wer die Zeichenkette „Was sind Daten?“ liest, erkennt darin eine Frage. Sie ist Ausdruck einer Absicht: Jemand hat eine Lücke bemerkt, möchte etwas wissen und erwartet eine bestimmte Art von Antwort.

Der Empfänger wiederum deutet diese Frage vor seinem eigenen Hintergrund. Und dieser Hintergrund kann ein anderer sein als der des Senders. So kann ein Fakt durch die unterschiedliche Deutung von Sender und Empfänger zu unterschiedlichen Informationen werden .

Für eine Informatikerin kann die Frage der Einstieg in eine Betrachtung von Codierung und Speicherung sein. Für einen Schüler kann sie eine Prüfungsfrage sein. Für eine Datenschutzbeauftragte kann sie der Ausgangspunkt für die Frage sein, welche Daten überhaupt erhoben und wie sie verwendet werden.

Daten werden übertragen – Bedeutung entsteht durch Zusammenhang und Deutung. Wer deshalb Daten liefert, hat noch nicht notwendigerweise informiert.

4. Wissen – das Vernetzte

Information beantwortet eine Frage in einem bestimmten Zusammenhang. Wissen geht darüber hinaus. Wer die Frage „Was sind Daten?“ auch morgen und in einer anderen Situation beantworten kann, wer Beispiele und Gegenbeispiele kennt und den Gedanken auf neue Fälle übertragen kann, verfügt über Wissen.

Wissen entsteht, wenn Informationen miteinander verbunden, eingeordnet und anwendbar werden. Dabei bleibt Wissen vorläufig. Es kann sich als falsch herausstellen, unvollständig sein oder durch neue Erkenntnisse verändert werden. Bücher, Datenbanken und heute auch KI-Systeme können Wissen speichern, miteinander verknüpfen und bei seiner Anwendung unterstützen.

Damit ist jedoch noch nicht automatisch geklärt, ob das Gespeicherte stimmt, in welchem Zusammenhang es gilt oder ob es für eine konkrete Situation geeignet ist.

Daten lassen sich speichern und kopieren. Wissen muss eingeordnet und angewendet werden – und es ist noch nicht dasselbe wie Verstehen. Wer eine Definition auswendig kennt, weiß vielleicht, was Daten sind. Er muss deshalb noch nicht verstanden haben, warum sie diese Bedeutung haben.

5. Verstehen – die Zusammenhänge

Verstehen fragt nach dem Warum. Wer versteht, was Daten sind, erkennt beispielsweise, dass

01010111 (oder dezimal 87)

nur deshalb als „W“ gelesen wird, weil Menschen eine entsprechende Zuordnung vereinbart haben. Diese Zuordnung ist keine Eigenschaft der Zahl selbst. Sie beruht auf einer Konvention.

Verstehen zeigt sich deshalb nicht allein darin, etwas wiedergeben zu können. Es zeigt sich darin, einen Gedanken erklären und auf neue Situationen übertragen zu können.

Kann ich den Gedanken auf Sensor- oder Gesundheitsdaten übertragen? 
Kann ich erklären, wann eine solche Übertragung nicht funktioniert?
Kann ich erkennen, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind?

Solche Fähigkeiten können heute auch Programme teilweise unterstützen oder nachbilden. Sie können Zusammenhänge herstellen, Fragen beantworten und Erklärungen erzeugen. Ob dies dasselbe ist wie menschliches Verstehen, ist eine andere und weiterhin offene Frage.

Damit stellt sich zugleich die Frage, wer fragt – und vor allem, wozu. Fragen entstehen aus einem Anliegen: Jemand möchte etwas wissen, klären, verstehen oder verändern.

6. Erkenntnis – die Einsicht

An dieser Stelle wird die Abgrenzung zum vorherigen Schritt schwieriger. Was unterscheidet Erkenntnis von Verstehen? Vielleicht liegt ein Unterschied darin, dass Erkenntnis nicht nur etwas bereits Verstandenes beschreibt, sondern etwas Neues sichtbar macht – und daraus Konsequenzen entstehen können.

Damit stellt sich zugleich eine interessante Frage im Hinblick auf KI: Können KI-Systeme nicht nur Zusammenhänge erkennen und erklären, sondern auch Erkenntnis gewinnen? Oder bleibt es bei einer maschinellen Form des Verstehens?

In unserem Beispiel könnte eine solche Erkenntnis lauten:
Wer Daten besitzt, besitzt noch keine Bedeutung. Bedeutung entsteht durch Zusammenhang und Deutung. Dieser Satz steht in keinem Datensatz; er ist ein Schritt über das Gegebene hinaus

Erkenntnis ist dabei mehr als ein Gefühl von Gewissheit. Auch ein Irrtum kann sich wie eine sichere Erkenntnis anfühlen. Deshalb braucht Erkenntnis Prüfung: den Bezugsrahmen klären, eine Gegenprobe machen, nach Gegenbeispielen suchen, die Unsicherheit benennen, nach Lücken fragen und andere Perspektiven einbeziehen.

So lässt sich unterscheiden, ob eine Aussage richtig oder falsch ist, ob sie nur unsicher bleibt oder ob etwas Wesentliches fehlt. Werturteile und manche Prognosen lassen sich so nicht entscheiden, sie können nur begründet und diskutiert werden. Und jedes Urteil bleibt vorläufig, denn neue Hinweise können aus einem „richtig“ ein „unsicher“ machen. Die eigenen Lücken sieht man am schlechtesten. Deshalb muss Erkenntnis ausgesprochen, begründet und der Kritik ausgesetzt werden.

Hier beginnt eine besondere Bedeutung des Dialogs.

7. Dialog – der Austausch

Im Dialog wird die eigene Erkenntnis anderen Perspektiven ausgesetzt und somit weiteren Prüfungen unterzogen. Andere fragen nach, widersprechen, ergänzen und zeigen vielleicht Fälle, an die ich selbst nicht gedacht habe.

Bringt man eine Informatikerin, einen Schüler und eine Datenschutzbeauftragte zusammen, zeigt sich, dass die Frage „Was sind Daten?“ drei Bedeutungen hat. Erst dieser Abgleich macht das eigene Verständnis belastbar. Wer allein entscheidet, kann nur die Perspektiven berücksichtigen, die ihm selbst zugänglich sind. Jede weitere Sichtweise macht Lücken sichtbar, Annahmen prüfbar und Folgen besser abschätzbar.

Dialog setzt voraus, dass man zuhört, sich irren darf und seine Position ändern kann. Er braucht geklärte Begriffe, und hier zahlt sich die saubere Trennung von Daten, Fakten und Information aus: Sie vermeidet Streit, der nur aus Wortverwechslungen entsteht. Mit dem Dialog wird die Basis breiter: Zur eigenen Erkenntnis kommen die Sichtweisen anderer.

8. Mitwirkung – das Eingebrachte

Aus dem Dialog kann Mitwirkung entstehen. Wer von einer Entscheidung betroffen ist, möchte nicht immer nur informiert oder angehört werden. Mitwirkung heißt, dass Betroffene auch Einfluss nehmen können. Sie bringen Wissen und Erfahrungen ein, die den Entscheidern möglicherweise fehlen.

Mitwirkung muss dafür ernst gemeint sein: Eine Anhörung mit feststehendem Ergebnis untergräbt Vertrauen. Sie braucht klare Rollen und Zugang zu den Grundlagen. Sind die Grundlagen nur wenigen zugänglich, haben diejenigen, die sie kontrollieren, einen besonderen Einfluss darauf, was überhaupt in die Entscheidung einfließt. Hier liegt der Kern dessen, was oft als Transparenz gefordert wird. Mitwirkung verbreitert die Basis noch einmal: Aus Sichtweisen werden Beiträge zu dem, was entschieden wird.

9. Abwägung – das Abgewogene

Zwischen Mitwirkung und Entscheidung liegt ein weiterer wichtiger Schritt: die Abwägung. Denn unterschiedliche Menschen bringen unterschiedliche Interessen, Erfahrungen und Erwartungen mit.

Die einen sehen Chancen, andere Risiken. Die einen betrachten vor allem Kosten, andere Umweltwirkungen. Die einen denken an die Gegenwart, andere an langfristige Folgen.

Abwägung bedeutet nicht, alle Interessen gleich zu gewichten. Sie bedeutet zunächst, sie sichtbar zu machen und nachvollziehbar miteinander in Beziehung zu setzen. Dazu gehört auch die Frage:

Welche Argumente sprechen wofür – und welche dagegen?

Eine nachvollziehbare Abwägung macht Unterschiede sichtbar, ohne sie vorschnell aufzulösen. Sie kann außerdem zeigen, wo Unsicherheiten bestehen und welche Folgen unterschiedliche Entscheidungen haben könnten. Gerade hier wird deutlich, warum Daten allein keine Entscheidung treffen.

Daten können eine Grundlage bilden. Sie können Zusammenhänge sichtbar machen. Sie können Wahrscheinlichkeiten berechnen. Sie können Alternativen vergleichen.

Aber welche Bedeutung wir den einzelnen Kriterien geben und welches Risiko wir akzeptieren, ist nicht allein eine technische Frage.

10. Entscheidung – das Entschiedene

Irgendwann muss aus dem Erkennen, Besprechen und Abwägen eine Entscheidung werden. Eine Entscheidung auf breiterer Informations- und Beteiligungsbasis kann besser abgestützt sein; sie bleibt aber eine Entscheidung. Sie beendet die Offenheit: Von mehreren Möglichkeiten wird eine gewählt, auf die anderen wird verzichtet. Daten und Informationen können weiter ergänzt werden – eine getroffene Entscheidung nicht in gleicher Weise.

Auch die beste Datenlage lässt Lücken, und die Zukunft liegt außerhalb jeder Datensammlung. Ein Algorithmus kann Optionen berechnen, aber die Entscheidung enthält immer einen Rest aus Werten, Prioritäten und Risikobereitschaft. Eine gute Entscheidung ist nachvollziehbar und so angelegt, dass man sie später überprüfen und korrigieren kann.

Eine nachvollziehbare Entscheidung beantwortet folgende Fragen:

Welche Grundlagen wurden verwendet? Welche Alternativen wurden betrachtet? Welche Interessen wurden abgewogen? Und warum wurde schließlich so entschieden?

11. Verantwortung – das Getragene

Am Ende der Kette steht Verantwortung, und sie lässt sich nicht an die Technik abgeben. Wer entschieden hat, steht für die Folgen ein und muss auf die Frage „Warum so?“ antworten können. „Die Daten haben es so gezeigt“ nimmt niemandem etwas ab, denn Daten tragen, wie wir am Anfang gesehen haben, keine Deutung in sich. Jemand hat sie gedeutet, und diese Deutung trägt einen Namen.

Verantwortung wirkt auch nach hinten: Wer entscheidet, ist mitverantwortlich dafür, wie die Daten erhoben und gedeutet wurden und ob die Betroffenen gehört wurden. Eine Entscheidung ist nur so verantwortbar wie ihr schwächstes Glied.

Auf breiter Basis wird Verantwortung von mehr Schultern getragen. Sie darf dabei nicht verwässern: Es muss weiter benennbar bleiben, wer entschieden hat und dafür einsteht.

So schließt sich der Kreis, der mit einer Zahlenfolge begann, und er beginnt auf neuer Stufe von vorn:

01010111 01100001 01110011 00100000 01110011 01101001 01101110 01100100 00100000 01000100 01100001 01110100 01100101 01101110 00111111

Die Zahlen sind dieselben geblieben. Was sich verändert hat, sind die Menschen, die sie gelesen, gedeutet, besprochen und verantwortet haben.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Antwort auf die Frage „Was sind Daten?“:
Sie sind nicht das Ende des Denkens, sondern sein Ausgangspunkt.